Künstler des Monats – SVEN HOPPLER

© Sven Hoppler, Foto: Sven Hoppler, Der Morgen danach, Öl und Acryl auf Leinwand, 80 × 80cm (Mitte), 80 × 40 cm (Seiten) © Sven Hoppler, Foto: Sven Hoppler, Der Morgen danach, Öl und Acryl auf Leinwand, 80 × 80cm (Mitte), 80 × 40 cm (Seiten) © Sven Hoppler, Foto: Sven Hoppler, Der Morgen danach, Öl und Acryl auf Leinwand, 80 × 80cm (Mitte), 80 × 40 cm (Seiten)
Foto: © Sven Hoppler, Der Morgen danach, Öl und Acryl auf Leinwand, 80 × 80 cm (Mitte), 80 × 40 cm (Seiten).

 

Boxhandschuhe, Badekappe und Sportdress oder weißer Kittel und Arbeitshandschuhe – die Figuren in Sven Hopplers Triptychon sind für Vieles ausgestattet. Dennoch stehen sie still da. Sie verschränken die Arme, kauern ermüdet oder hängen gelangweilt ihren Gedanken nach. Oder haben sie bereits all die angedeuteten sportiven Aktionen in diesem kargen Innenraum mit Tapeziertisch und zerknickter Zimmerpflanze erprobt? Inszenatorisch platzierte Unordnung des Alltags zeigt dieses Gemälde nur auf den ersten Blick – bis Brot, Rad und Narzisse das ikonografische Erinnerungs- und Vorstellungsvermögen zu Geschichten des Vortags dieser Szenerie inspirieren.

 

WAS IST AM ‘MORGEN DANACH’ – WAS WAR AM ABEND ZUVOR?

DIE FLÜGEL: ZWISCHEN IKONOGRAFIE, NARRATIV + RÄTSEL

‘Der Morgen danach’ ist eine der von Hoppler als Triptychon konzipierten Arbeiten, die sich auf Flügelaltäre des 15. und 16. Jahrhunderts und zahlreiche bekannte Werke der Kunstgeschichte beziehen. Die traditionsreiche Form des Triptychons wählt der Schweizer Maler nicht selten und setzt seine Szenen in verschiedene alltägliche Räume, wie hier in ‘Der Morgen danach’ vielleicht einen WG-Flur. Die Seitentafeln werden bei Triptychen im religiösen Kontext häufig für Heiligendarstellungen verwendet. Hier zeigen sie zwei Frauen in weißen Kitteln und Handschuhen. Eine wendet sich ab und eine andere beugt sich über einen Autoreifen. Beide sind in die Bereiche des Sports, aber auch der Care Arbeit situiert. Ob eine Ärztin heute Boxhandschuhe braucht oder sich Automechaniker*innen wie die Heilige Katharina erschöpft auf das Rad oder den Autoreifen als Instrument ihres Martyriums abstützen müssen, stellt Fragen nach Hopplers Heiligen der Gegenwart.

Die Frau auf dem linken Bild des Tripychons wendet sich jedoch vom ganzen Geschehen ab. Sie schaut nicht auf das von der Badezimmertür halb verdeckte Poster in strahlendem Blau, das vielleicht ein Farbfeld von Yves Klein oder Mark Rothko zeigen könnte. Auf einem grünen Vorleger mit glänzenden Lederschuhen stehend, blickt sie auf eine kleine Reproduktion eines Bildes aus dem Realismus. Vielleicht zeigt dieses Bild Ährenleserinnen auf dem Feld. Ist sie als Personifikation der Gegenwartskunst gut ausgerüstet für den Streit zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion? So rätselhaft wie ihre Rolle geht auch die Blickführung im durchgehenden Raum der drei Tafeln hin und her. Im Gegensatz zu vielen historischen Triptychen, in denen durch Blicke Beziehungen und eine Geschichte visuell vermittelt wird, besteht hier kein Blickkontakt der Personen: Ihre Verbindung bleibt stumm.

DIE MITTELTAFEL: ANWESENHEIT, ABWESENHEIT, ZEIT

Auch im zentralen Teil dieses Triptychons spielt der Maler mit Verweisen und Bildebenen. Das von einem Mann mit Badekappe aus der Nasszelle gehaltene Vera Icon, vereint gleich mehrere solcher Bildebenen, Traditionen und Geschichten. Als Motiv des Gesichts auf dem Duschvorhang verweist es auf Abdruck und Spur. Nach der historischen Narration sog das Schweißtuch der hl. Veronika den Schweiß und das Blut von Jesus auf seinem letzten Weg nach Golgata auf. Es wurde von einem Abdruck zu einem Bild, das in vielen Werken der Kunstgeschichte aufgegriffen wurde. Den Abdruck auf dem Gebrauchsstoff des Duschvorhangs verbindet Hoppler mit einem weiteren Darstellungsmodus, wenn er sich in langer Tradition von schöpferisch-selbstbewussten Künstler*innen hier selbst portraitiert und mit Jesus assoziiert.

Davon unberührt starrt der sportive Denker vor dem Duschvorhang über einen Tapeziertisch hinweg in den Raum. Nur ein angeschnittener Brotlaib und achtlos welkende gelbe Schnittblumen, vielleicht Narzissen, verweisen am anderen Tischende auf ein fehlendes Gegenüber. Das Brot ist bereits geschnitten. Die Kinder scheinen über die Zeit erwachsen geworden zu sein, wenn man den historischen Bildbezug im Hinterkopf hat*. Doch noch immer starrt der junge Hubert so ratlos ins Leere. Und seine Schwester Therese kauert davon immernoch ungerührt auf dem Boden – in einer Zeitschrift blätternd, deren Bilder genauso inszeniert sind wie ihre eigene den Blicken ausgesetzte Haltung. In den Leerstellen des Dazwischens scheint keine Interaktion der Figuren stattzufinden, die versunken ihren eigenen Gedanken und Tätigkeiten nachgehen: Der Morgen danach.

BILDER ALS VERWEISE IN DIE KUNSTGESCHICHTE

Als komische oder tragische Pathosgesten der Gegenwart malt Hoppler in seinen Gemälden genauso Madonnenfigur wie Bademantel, Gummistiefel wie Vera Icon, in visuell und inhaltlich vielschichtigen Lasuren. Die Motive erscheinen bekannt, denn sie sind der europäischen Kunstgeschichte entlehnt. Diese Bilder und Gesten setzt Hoppler zunächst durch Modelle und zeitgenössische Requisiten um. Er fotografiert seine inszenierten Modelle und komponiert mit ihnen die Entwürfe für die häufig großformatigen und detailreichen Arbeiten.

Bei gleichzeitigem Aufbrechen von Darstellungsnormen und Bildwelten der Geschichte, des Alltags und der Werbung mit einer Prise Humor und Ironie im Umgang mit diesen Traditionen, will Hoppler eine “gewisse Ernsthaftigkeit beibehalten”, schreibt er in seinen schriftlichen Erläuterungen zu seinem Abschlussprojekt, das auch das für den zweiten Marburger Bildertag ausgewählte Werk enthält.* Diese Ernsthaftigkeit Hopplers äußert sich nicht nur in den umfangreichen Vorüberlegungen zu den hinweisreichen Szenen und der akribischen Darstellung von Stofflichkeit, sondern auch den kunsthistorischen Verweisen, die wie visuelle Fußnoten an den Wänden auf die Herkunft seiner Zitate hindeuten.

*Schauen Sie weiter, wenn Sie sehen möchten, auf welche Kunstwerke sich Sven Hoppler in ‘Der Morgen danach’ (2020) bezieht:
Les Enfants Blanchard, 1937, Balthus (1908-2001), Kunstbulletin (12/2018)
Darstellungen des Schweißtuchs der Veronika, Bayrische Staatsgemäldesammlungen
Darstellungen der Heiligen Katharina von Alexandrien, Digitale Sammlung Städel Frankfurt
Darstellungen der Heiligen Katharina von Alexandrien, Thyssen-Bornemisza National Museum 

 

SVEN HOPPLER

Sven Hoppler (geb. 1995 in Basel) studierte Bildende Kunst an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in der Malereiklasse bei Prof. Andreas Orosz bis 2020. Derzeit studiert er Kunstgeschichte und Bildtheorie an der Universität Basel. Sven Hoppler wird von der Galerie Schwind vertreten. Neu erschienen ist der Sammelband Tragikomisches Welttheater über die Arbeiten des Schweizer Malers mit Beiträgen von Beat Wyss und Mark Gisbounre.

Herzlicher Dank gilt Sven Hoppler und der Galerie Schwind für die Erlaubnis, seine Arbeit in diesem Kontext zeigen und thematisieren zu dürfen.

* Quellen: Sven Hoppler (Hrsg.), Schrift zum Abschlussprojekt (2020)

Text: Celica Fitz