Liturgy Specific Art am 21.1.2018: MICHAEL VOLKMER

Kasimir Malewitsch malt 1915 ein Bild, das ihn berühmt machen wird. Es heißt „Das schwarze Quadrat.“ Ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund, 80 mal 80 cm groß. Ein schwarzes Quadrat war im Februar 2018 als „Intruder“ in die Universitätskirche Marburg eingedrungen. Der Künstler Michael Volkmer hatte es als dreidimensionalen schwarzen Quader zwischen den Kirchenbänken platziert.

Das Objekt ist deutlich aus der zentralen Achse der Raumordnung verschoben, es stellt sich sozusagen quer und steht als stummes Statement in einem Kirchenraum, der dank der Michaelsbruderschaft und Karl Bernhard Ritters sonst beredt von einer speziellen Symbolik bestimmt wird: Die Botschaft vom Licht, das in die Finsternis scheint äußert sich in der Kirchenraumgestaltung der 20er Jahre in einem dunkel gehaltenen zentralen Bankblock im Kirchenschiff. Aus dieser verschatteten Tiefe wird der Blick steil in die Höhe des hellen Chorbereichs mit der großen Orgel gelenkt, nicht ohne vorher über den erhöhten Altarbereich, eine figurenreiche Lettnerschnitzerei und ein hoch aufragendes Kreuz geleitet zu werden. Jeder Schritt wird in diesem eschatologischen Koordinatensystem geleitet.

Auch der Künstler Michael Volkmer, der als neunter Künstler seit dem Jahr 2011 zu der Reihe der „Liturgy Specific Art“ vom Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart nach Marburg eingeladen worden war, hat sich an diesem Ort mit dem Thema Licht und Dunkelheit beschäftigt und zwar mittels seiner fast quadratischen Skulptur. Hermetisch wirkt der mit schwarzem Molton bespannte Würfel  im Kirchenschiff, doch erlebt man eine Überraschung, wenn man auf die Empore steigt und von oben auf ihn hinunterblickt. Orientalischer Ornamentik oder gotischen Fenstermaßwerk vergleichbar bilden polierte und lackierte Radzierkappen das Dach des Quaders, durch deren Perforierungen ein kaltes fremdes Licht strahlt.

Michael Volkmers klaren, reduzierten, scheinbar einfachen Objekten sind viele Ebenen der Bedeutung inhärent. Sein „Intruder“ im Kirchenraum ist ein typisches Beipiel für die Mehrdimensionalität seiner Werke. Der „Intruder“ funktioniert als abstrakte Figur im Raum, die die Dimensionen relativiert und Blicke anders und neu lenkt. Er funktioniert als plastische Form und als Lichtkunstwerk. Er läßt symbolische Deutungen zu, die von der Kunst-Geschichte und spirituellen Dimension des schwarzen Quadrats von Malewitsch angeregt werden. Als performatives Element verursacht er veränderte Bewegungsabläufe im Raum. Und es lassen sich noch weitere Ebenen der produktiven Störung finden. Für Thomas Erne, den Initiator der „LiturgySpecificArt-Gottesdienste, hat der Eingriff Michael Volkmers in der Universitätskirche die liturgische Raumordnung der Michaelsbruderschaft wieder zur bewußten Anschauung gebracht,  damit aber auch theologische und spirituelle Fragen virulent gemacht.

Ergänzend zu dem „Intruder“, der im Rahmen eines Universitätsgottesdienstes von Thomas Erne in die Predigt und die Liturgie eingebunden wurde, zeigt Michael Volkmer in den Institutsräumen weitere Objekte, die man auf den zweiten Blick als  verfremdetes Alltagsdesign erkennt. Wieder begegnen interessante Abwandlungen der Radzierkappen, die sorgfältig gereinigt, geschliffen, lackiert, poliert zum Beispiel als Leuchtobjekt ihre Kunsttauglichkeit beweisen. Oberflächen spielen für die Deutung von Volkmers Arbeiten eine große Rolle,- ihre Optik und Haptik lassen Bereiche des Alltags assoziieren und führen doch im Widerspruch dazu  in eine Sphäre der Zweck- und Gedankenfreiheit. Die Werke verhalten sich  ambivalent. Man empfindet sie einerseits als selbstverständlich durch ihre dem Industriedesign nahe Oberflächenbehandlung. Die  unaufgeregten Statements drängen sich nicht auf, – aber sie lassen sich auch nicht ignorieren. Ihre Nachwirkung irritiert wie ein Sandkorn im Auge. www.michael-volkmer.de

Text: Claudia Breinl

Fotos: Arne Jürgen Klein

 

Abb. Michael Volkmer, „Intruder“ in der Universitätskirche Marburg, 2018, VG Bild-Kunst 2018