Künstlerin des Monats – Anna Witt

Seit der Corona-Krise befinden wir uns in einer neuen Realität, die wir zuvor so noch nie erlebt haben. Gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und kulturelle Systeme werden auf die Probe gestellt. Digitale Medien erscheinen in diesen Zeiten mehr denn je als Segen und Fluch zugleich. Die Krise zeigt uns, wie fragil unser Zusammenleben ist, das wir zuvor für selbstverständlich gehalten haben. 

In diesem Kontext können Kunstwerke in einem neuen Licht erscheinen, wenn wir sie neu betrachten und interpretieren. Denn nicht nur die Kunstwelt verändert sich in diesen Tagen, sondern auch unser Blick auf sie.

Im Zuge dieser Wahrnehmungsveränderung hat die Galerie Tanja Wagner vom 15. März bis 23. Mai 2020 ein Online-Programm mit und von Künstler*innen der Galerie kuratiert. In wöchentlich wechselnden Ausstellungen zeigten die Künstler*innen Werke aus den letzten Jahren, die in diesen besonderen Zeiten in einen neuen Dialog mit ihrem Publikum treten. 

Den Anfang machte die Video-Künstlerin Anna Witt. Die Absolventin der Kunstakademien München und Wien wählte drei Videoarbeiten aus, die sich mit der Bedeutung von Altenpflege, mit der heutigen Arbeitswelt und Gesellschaftsutopien beschäftigen. Die Künstlerin fragt, was in diesen Tagen Solidarität zwischen den Generationen bedeutet, welchen Wert wir der Pflegearbeit geben, wie wir arbeiten wollen, wofür wir arbeiten, was für uns Freiheit bedeutet und wie wir die Zukunft sehen.

Das Video Care (2017) wurde im Zentrum der japanischen Stadt Maebashi gedreht, in dem die Auswirkungen einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft spürbar sind. Geschlossene Rollläden vor Geschäften, menschenleere Straßen und eine ungenutzte Baulücke bilden die Kulisse für die Videoperformance. Eine Gruppe von Amateurtänzerinnen, beeinflusst vom japanischen Butoh und Improvisationstanz, interpretieren die Arbeitsroutinen und Erfahrungen von zwei jungen indonesischen Krankenschwestern in der Demenzpflege. Stützen, Heben, Umarmen, behilflich sein und sich helfen lassen – ihre langsamen Bewegungen sind voller Zärtlichkeit. Auf Textebene erzählen die Krankenschwestern, was sie motiviert hat, Indonesien zu verlassen und nach Arbeit im Ausland zu suchen. Wir erfahren von der Schwierigkeit, in Indonesien Arbeit zu finden und von der empfindsamen Beziehung zwischen den Altenpflegerinnen und den alternden Patientinnen, die mit den eigenen Großeltern gleichgesetzt werden. In der japanischen Gesellschaft bleibt ihre Existenz größtenteils unsichtbar. Mit dieser Videoarbeit über zwischenmenschliche Beziehungen verhilft Anna Witt den Krankenschwestern zur Sichtbarkeit.

Das Video Körper in Arbeit (2018) befasst sich mit der Vorstellung und Optimierung der Arbeits- und Lebenswelt. In einem 5-Kanal-Video werden Panoramen und Details des Stadtentwicklungsgebiets rund um den Wiener Hauptbahnhof und des Quartiers Belvedere gezeigt. Eine Gruppe von Calisthenics-AthletInnen, die ihre Übungen weitestgehend ohne Fitnessgeräte im Freien ausüben, intervenieren in die Arbeitsumgebung. Die Klimmzüge und Liegestütze in den Büroräumen erinnern manch eine/n an die einsamen Sportübungen in den eigenen vier Wänden während des Shut Downs. 

Auf sprachlicher Ebene erzählen Menschen von ihren Erfahrungen mit und Vorstellungen von Arbeit und den Zusammenhängen zwischen Individuum, Arbeit und Gesellschaft. 

In Zeiten von Corona bedingter Verlagerung des Arbeitsplatzes ins Homeoffice und wachsender Angst vor Arbeitsplatzverlust konfrontiert die Videoarbeit verstärkt mit Grundsatzfragen, die unsere Arbeitswelt betreffen: Welche Arbeitswelt haben wir geschaffen und wie wollen wir in Zukunft arbeiten?

Eine Gruppe junger Menschen in Leipzig entwickelt ein Manifest für eine potentielle Jugendbewegung. Im Video Das Radikale Empathiachat (2018), das in enger Zusammenarbeit zwischen den jungen Erwachsenen und der Künstlerin realisiert wurde, diskutieren sie ihre persönlichen Ideen über soziale Utopien und drücken ihre eigenen Gefühle gegenüber den aktuellen Systemen aus. 

Sie übersetzen ihr Manifest in physische Ausdrucksformen, mit denen sie in den öffentlichen Raum intervenieren. Der neutrale helle Raum wird den subtil irritierenden Interventionen teilweise gegenüber gestellt. Kann man sich so die ersten Christinnen und Christen vorstellen, als sie in kleinen Gemeinschaften zusammen saßen und über elementare Lebensfragen diskutierten? Und welche Interventionen würde die Gruppe in Zeiten von Abstandsvorschriften und Mundschutzpflicht entwickeln?

Filmausschnitte aus Körper in Arbeit, Das Radikale Empathiachat, Sixty Minutes Smiling, Flexitime

In ihren Videoprojekten ist Anna Witt nie die alleinige Autorin ihrer Werke. Ihre Videos entstehen in enger Zusammenarbeit mit den Akteur*innen, die Handlungsräume frei gestalten können. Auf diese Weise hinterfragt sie Autorenschaft und Hierarchien innerhalb von partizipatorischen Projekten. Eine beobachtende Kameraführung und eine farblich kühle Ästhetik ermöglichen ihr eine gewisse Distanz, wenn sie gesellschaftliche Brennpunkte auf spielerische Weise untersucht. 

Anna Witt versteht es, aktuelle Diskurse auf subtile Weise aushandelbar und emotional erfahrbar zu machen. 2018 würdigte die Erzdiözese Wien diese Fähigkeit mit dem Otto-Mauer-Preis mit der Begründung, sie könne, “gesellschaftlich relevante Themen mit Witz und Leichtigkeit, aber auch mit Präzision in einer qualitativ hochwertigen künstlerischen Form auf den Punkt bringen”. 

Die Videoarbeiten Care, Körper in Arbeit und Das Radikale Empathiachat sind in voller Länge auf der Website der Galerie Tanja Wagner zu sehen.  

Anna Witt wurde 1981 in Wasserburg (D) geboren. Sie studierte zunächst an der Akademie der bildenden Künste in München, bevor sie 2005 an die Kunstakademie in Wien wechselte. Dort studierte sie bis 2008 in der Klasse von Monica Bonvicini Performative Kunst und Bildhauerei. Neben zahlreichen Einzelausstellung in Europa, beteiligte sich Anna Witt an internationalen Gruppenausstellungen, wie der 6. Berlin Biennale 2010 oder im Seoul Museum of Art (SeMA) 2019. 2018 erhielt sie den Otto Mauer Preis der Erzdiözese Wien, der für das Lebenswerk von Künstler*innen unter 40 Jahren vergeben wird und nahm seit 2014 an zahlreichen Artist-in-Residence-Programmen teil.

Text: Dorothea von Kiedrowski

Fotos: Courtesy Galerie Tanja Wagner

www.annawitt.net

www.tanjawagner.com